Thesenpapier zu aktuellen psychischen Störungsbildern bei Kindern und Jugendlichen
3. März 2009 von mwinterhoffStatus
Kindergärten und Schulen beklagen mangelnde Reifegrade, große Diskrepanzen in Motorik und Sprache, zunehmende fehlende soziale Kompetenzen in Verbindung mit verbaler und körperlicher Aggressionsbereitschaft, Respektlosigkeit und mangelnde Übung in Konfliktlösungsstrategien.
Diese Beobachtungen gehen völlig konform mit meinen Erfahrungen im Umgang mit meinen kindlichen und juvenilen Patienten. Demgegenüber stehen viele intakte Familien, die ihre Kinder engagiert und bewusst erziehen wollen. Zur Erlangung erfolgreicher Behandlungskonzepte ist die Ursachenforschung absolute Arbeitsgrundlage.
Mein Thema ist: wie kommt es zu diesen diskrepanten –- in meinen Augen absolut bedenklichen — Reifestörungen?
Thesen
Hintergrund sind meines Erachtens psychodynamische – gesellschaftlich erklärbare – Beziehungsstörungen.
Seit Anfang der 90er Jahre wird das Kind als Partner gesehen und auf die gleiche Ebene mit dem Erwachsenen gestellt. Als Konsequenz kommt es zu einer Fixierung des Kindes in der oedipalen Phase. Darüber hinaus werden psychische Funktionen nicht gebildet.
Seit Ende der 90er Jahre suchen immer mehr Erwachsene im Rahmen einer ihnen nicht bewussten Projektion die Erfüllung ihrer Bedürfnisse nach Orientierung, Anerkennung und Zuneigung durch das Kind. Das Kind verbleibt in der oralen Phase. Zusätzlich ist die Bildung eines “Selbst” in Abgrenzung zum Gegenüber nicht möglich.
Seit Anfang des Jahrhunderts verschmelzen Eltern psychisch mit ihrem Kind. Es kommt unbewusst zur Bildung einer Symbiose. Eine psychische Reifeentwicklung des Kindes ist nicht mehr möglich. Das Kind verbleibt im frühkindlichen Narzissmus.
Fazit
Obwohl Eltern ihre Kinder erziehen, ist auf dem Hintergrund einer symbiotischen Beziehung eine Entwicklung der Psyche des Kindes nicht mehr möglich. Diese Kinder verbleiben respektlos und erkennen das Gegenüber nicht an. Pädagogische und bildungspolitische Konzepte versagen.
Sorgen macht mir: besonders erschwerend kommt in NRW hinzu, dass die heutigen Konzepte im Kindergarten und Grundschule gravierend gegen neurologische und entwicklungspsychologische Grundsätze verstoßen. Das tatsächliche Ausmaß der Misere wird verdeckt und ist weder für Eltern noch für die Gesellschaft erkennbar. Das Problem wird verschleppt. Die Chance auf eine Behebung der Störung wird dadurch immer geringer.
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